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Martina Ehrlich

Ab sofort erscheint auf unserer Homepage immer freitags ein neuer Blog-Beitrag zu den unterschiedlichsten Regionen und Themen rund um Lateinamerika. Martina berichtet Aktuelles, Informatives, Skurriles und Spannendes vom Kontinent des Kolibris, erzählt Geschichten vom Reisen bis hin zu praktischen Tipps für die Vorbereitung Ihrer eigenen Reise.

Vom Kontinent des Kolibris 43 – die „Bridges“ auf Feuerland

Falls Sie den letzten Blog über die Ureinwohner Patagoniens und Feuerlands mit Interesse gelesen haben, wird Sie sicherlich auch diese Kolumne erfreuen… Sie ist der ungewöhnlichen Geschichte der Familie Bridges gewidmet, die ich im letzten Beitrag bereits im Zusammenhang mit dem von Thomas Bridges erstellten Wörterbuch der Sprache der Yámana erwähnt habe.

Bei etlichen Reisen auf Feuerland konnte ich die heutige Estancia Haberton der Nachkommen der „Bridges“ besuchen – deren Geschichte ist ebenso exemplarisch wie außergewöhnlich bedeutsam für die weitere Besiedlung Feuerlands.

Es war im Jahre 1869, als sich Missionare der British South America Mission Society aus religiösen Gründen in der weit abgelegenen unwirtlichen Region von Tierra del Fuego – Feuerland – niederließen. Einer davon war Thomas Bridges, eine Waise, die bereits als Baby von den Eltern verlassen an einer Brücke abgelegt und schließlich von einem Missionar adoptiert wurde. Bereits im Alter von 13 Jahren kam Thomas Bridges 1856 auf die Falklandinseln, wo seine Adoptivfamilie am Aufbau einer landwirtschaftlichen Missionsstation mitwirkte. Dort – auf den Falklandinseln – hatte Thomas Bridges zum ersten Mal Kontakt zu den Yámana (auch Yaganes genannt), von denen mittlerweile viele auf das Archipel umgesiedelt waren. Er erlernte relativ rasch die Sprache, das sogenannte Yaghan.

Aufgrund der guten Verständigungsmöglichkeit veranlasste ihn seine erste Reise nach Feuerland zur Gründung einer neuen anglikanischen Missionsstation in der jungen Siedlung Ushuaia. 1874 wurde Lukas Bridges als Sohn von Thomas Bridges und seiner Frau als erstes europäisches Kind in der erst dreijährig bestehenden Missionsstation „Ushuaia“ geboren. Ushuaias Ära als Missionsstation hielt nicht allzu lange an, da es ab 1880 Gerüchte um Goldvorkommen in der Umgebung gab, die natürlich eine Vielzahl von Goldsuchern, Händlern und Glücksrittern anzog. 1884 schickte der argentinische Staat eine Flotte von vier Schiffen nach Ushuaia, um vor Ort seinen Anspruch auf die Region mit dem Hissen der Staatsflagge zu unterstreichen. Für seine Verdienste als Gastgeber dieser Expedition, für seine Arbeit mit den Ureinwohnern sowie für seine Unterstützung von Wissenschaftlern, neuen Siedlern und Schiffbrüchigen erhielt Thomas Bridges zwei Jahre später vom Nationalkongress erstens die argentinische Staatsbürgerschaft und zweitens 20.000 Hektar Land 75 Kilometer östlich von Ushuaia direkt am Beaglekanal gelegen.

Leider brachte die argentinische Expedition auch Krankheiten mit, gegen die die Urbevölkerung keine Antikörper besaß und löste damit eine verheerende Masernepidemie aus. Fast die Hälfte der einheimischen Bevölkerung Ushuaias starb – angeblich so schnell, dass die Gräber kaum ausreichten. Die widerstandsfähigen, kälteunempfindlichen Feuerländer hatten gegen die eingeschleppten Infektionen keine Abwehrmechanismen… Dieses Massensterben bewog Thomas Bridges dazu, fernab der Missionsstation Ushuaia seine eigene, neue Mission aufzubauen und die Ureinwohner dort auf die Konfrontation mit der „Zivilisation“ vorbereiten. Das neue Land am Beaglekanal erschien ideal und damit war die Estancia Harberton geboren.

Thomas Bridges hat während seines Lebens als erster Europäer die Sprache der Yámana erlernt und konnte 1933 das Yámana-Englisch-Dictionary in Mödling bei Wien drucken lassen, ein Schatz von über 23.000 Wörtern! Hier ein Zitat von ihm dazu: „Es ist anfangs geradezu unmöglich, die korrekte Artikulierung einer neuen Sprache von den Lippen eines Wilden zu erfassen. Er kann die Worte seiner eigenen Sprache nicht langsam und deutlich aussprechen, bevor man es ihn gelehrt hat. Oft habe ich die Indianer die Worte so lange wiederholen lassen – und ich habe mich dafür geschämt, dass sie mich für schwerhörig hielten.“

Sein Sohn Lucas Bridges ist mit den Yaganes aufgewachsen und sprach schon als Kind Yámana. Er bezeichnete die Sprache als „unvergleichlich reicher und ausdrucksstärker als das Englische oder Spanische“ – z.B. gibt es für das Wort „Schnee“ fünf unterschiedliche Ausdrucksformen. Lucas ist schockiert über Charles Darwins einstige Fehleinschätzung der Indigenen, die er beispielsweise als Kannibalen bezeichnete. Hingegen verspeisten die Feuerländer grundsätzlich kein einziges Tier, welches eventuell an einem menschlichen Leichnam gefressen haben könnte wie z.B. Geier oder Füchse. Lucas Bridges erzählt hingegen von der Großartigkeit der Fähigkeiten der Yámana als Jäger und Fischer, von ihrer guten Orientierung sowie ihren physischen sowie psychischen Therapien.

Die Familie Bridges wollte den Bewohnern Feuerlands aufrichtig helfen und gegen die Hoffnungslosigkeit des Alkohols und der Prostitution ankämpfen. Das Komitee der anglikanischen Kirche in London gestattete Bridges jedoch nur “geistliche Arbeit”. Thomas Bridges reagierte daraufhin mit dem Rücktritt von seinen Ämtern. Ohne Druck und Drohung von Höllenstrafen gelang es der Familie Bridges, einen Sinn für Recht und Unrecht zu vermitteln. Die Menschen wurden nicht in europäische Kleidung gezwängt und konnten sich ihre Kultur und Riten bewahren. Lucas Bridges erzählt von den Ureinwohnern Feuerlands sowie von der friedfertigen Arbeit seiner Eltern in seinem Buch „Uttermost Part of the Earth“, welches gebraucht noch erhältlich ist. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt Lucas Bridges als „weißer Häuptling und ungekrönter König der Feuerlandindianer“.

1999 wurde das Gebiet der Estancia Harberton zum „National Historical Monument“ Argentiniens erklärt. Die Estancia ist immer noch Familienbesitz und Mitglieder der vierten, fünften sowie sechsten Generation leben heute Vorort. Die Schafzucht wurde mittlerweile aufgegeben, es gibt noch ein paar Rinder auf dem Gelände.

Die Estancia Harberton hat die Tore für Besucher geöffnet und Sie können Touren ab Ushuaia dorthin unternehmen. Dabei erfahren Sie mehr über die Geschichte der Familie sowie ihre Beziehung zu den Ureinwohnern. Sie besuchen die Estancia-Gebäude, den Familienfriedhof, Nachbildungen von Yámana-Hütten, den alten Schafscherschuppen, die Tischlerei und den schönen Garten des Haupthauses. Sie können das Acatushun Museum besuchen, das eine der weltweit wichtigsten Sammlungen mit mehr als 2800 Exemplaren von Säugetieren und 2300 Exemplaren von Vögeln beherbergt. Ein Historisches Museum erzählt zusätzlich von der Familiengeschichte. Sie können auf dem Estancia-Gelände übernachten, essen oder einfach einen Kaffee trinken.

Bei einem gesonderten Ausflug kann man die zur Estancia gehörende Isla Yekapasela – auch bekannt als Isla Martillo – besuchen, bei der man zwischen einer Kolonie von mehr als 10.000 Magellan-Pinguinen und etwa 100 Eselspinguinen umherspaziert. Gelegentlich besuchen sogar kleine Gruppen von Königspinguinen die Insel.

Für mich persönlich gehört der Besuch der Estancia Harberton zu den besonderen Höhepunkten eines Feuerland-Aufenthalts. Landschaftlich ist er ein Hochgenuss, historisch eigentlich ein Muss und menschlich das I-Tüpfelchen einer Reise. Gerne organisieren wir einen Besuch vor Ort für Sie!

Bis nächste Woche

Martina Ehrlich

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