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Martina Ehrlich

Martina Ehrlich

Ab sofort erscheint auf unserer Homepage immer freitags ein neuer Blog-Beitrag zu den unterschiedlichsten Regionen und Themen rund um Lateinamerika. Martina berichtet Aktuelles, Informatives, Skurriles und Spannendes vom Kontinent des Kolibris, erzählt Geschichten vom Reisen bis hin zu praktischen Tipps für die Vorbereitung Ihrer eigenen Reise.

Vom Kontinent des Kolibris 38 – die „Heilige Woche“ und das Osterfest in Bolivien

Waren Sie schon mal in Bolivien? – Wenn ja, dann wissen Sie, dass Bolivien eines der ärmsten Länder Lateinamerikas ist. Über 50 % der Bevölkerung gehören indigenen Ethnien an. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei Männern bei etwa 61 Jahren, bei Frauen bei etwa 67 Jahren.

Im Dezember 2008 erklärte der damalige Präsident Evo Morales nach einer dreijährigen Alphabetisierungskampagne, in der etwa 820.000 Menschen lesen und schreiben lernten, Bolivien für frei von Analphabetismus, da nunmehr 97 % der Bevölkerung lesen und schreiben könnten. – Allein dieser Satz drückt schon aus, wie schlecht es um die allgemeine Bildung steht, denn wie will man innerhalb von drei Jahren die überwiegend in ländlichen Gebieten zerstreut lebende Bevölkerung effektiv und nachhaltig alphabetisieren und Ihr tatsächliche Bildung vermitteln?

Als im 16. Jahrhundert die spanischen Eroberer vom heutigen Peru aus ins heutige bolivianische Staatsgebiet kamen, waren sie nur an der Ausbeutung der Bodenschätze Boliviens interessiert. Die Silbermine des Cerro Rico im über 4.000 Meter hoch gelegenen Potosí erzählt noch heute anschaulich die tragische Geschichte der indigenen Völker während der Kolonialzeit. „Gott und Gold“ waren damals im Auftrag der spanischen Krone so eng miteinander verflochten wie „Pech und Schwefel“. Bodenschätze sollten ins Königreich geschafft werden und gleichzeitig die Ungläubigen zum wahren Glauben bekehrt werden – und das mit nicht immer lauteren Mitteln. Die Männer wurden als billige Arbeitskräfte in die Minen verschleppt, die Frauen blieben auf den Gehöften zurück mit ihren Kindern und den alten Traditionen, die ab nun an keinerlei Gültigkeit mehr haben sollten. Tempelbauten aus inkaischer oder vorinkaischer Zeit wurden bis auf ihre Grundmauern abgerissen und genau an dieser Stelle prächtige Kirchen errichtet. Bzw. errichtet lassen, denn Stein für Stein aufgebaut und auch im Inneren ausgestattet haben die vielen Kirchen- und Klosterbauten die Einheimischen. Die Indigenen mussten sich zum Katholizismus bekennen, in Mal- und Steinmetzschulen Handwerk erlernen, das gemeinhin als „christlich“ galt. Kirchliche Feiertage wurden im Jahreskalender eingeführt und ob der Verherrlichung des neuen Gottes pompös gefeiert.

Wenn man heute Kirchen in Bolivien besucht, sind ein paar Dinge anders als bei uns. Manche fallen sofort ins Auge, wie z.B. die niemals fehlende Staatsflagge im Kirchenschiff irgendwo neben dem Altar. Oder Kuscheltiere an den Seitenaltären, die Gläubige dort abgelegt haben. Oder die seltsame Darstellung der Jungfrau Maria in einer immer ähnlichen Bergform, oft mit einem Schleier in Weiß. Oder die Darstellung des Abendmahls mit dem typischen runden Andenbrot sowie Meerschweinchenbraten auf dem Tisch. Man könnte so noch einige Dinge aufzählen. Fakt ist, dass die indigene Bevölkerung, die ja keine Wahl hatte, als sich dem mächtigen Katholizismus zu beugen, kurzum ihren eigenen Glauben mit in die Kirchen brachte. Ihre heiligen, oft schneebedeckten Berge – die Apus – finden sie heute in der „Bergform“ der Jungfrau Maria mit dem weißen Schleier wieder. Die Feiertage ihrer örtlichen Schutzpatrone haben sie kurzum auf die Feiertage der Kirchenheiligen gelegt usw.

Dies führt zu einem augenscheinlichen Synkretismus, der besonders bei großen Kirchenfesten auffällt. Die sogenannte „Semana Santa“, die Karwoche – besitzt in Bolivien eine tiefe spirituelle Bedeutung. Zwar stehen die Kirchen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten, doch geht es von Palmsonntag an vor allem um Rituale, Prozessionen und verschiedenste Aktivitäten, die auch hier wieder weit über die eigentliche kirchliche Bedeutung hinausreichen.

Bolivianer kochen an den 12 Tagen vor Ostern besondere Gerichte. Diese Gerichte enthalten kein Fleisch. Stattdessen gibt reichlich Fisch und Meeresfrüchte – je nach Geldbeutel. Suppen stehen hoch im Kurs, so z.B. Kartoffelsuppen, Garnelensuppen, Brotsuppen und Bohnensuppen. Gemüsegerichte wie „Sajta de Papalize“, „Ch’uma de Lacayote“ und „Carbonada“ werden aus Kartoffeln und Kürbissen hergestellt.

Am Palmsonntag flechten die Menschen überall Kreuze aus Palmblättern und bringen sie zur Segnung in die Kirchen. An Karfreitag werden sehr ergreifende Prozessionen veranstaltet, die vordergründig an die Kreuzigung Jesu erinnern. Tiefgründiger geht es auch um die „Kreuzigung der eigenen Identität“ während der Kolonialherrschaft.

Am Samstag vor Ostern werden mit Rosen geschmückte Bogen hergestellt, alles wird mit Blumen geschmückt und riesige Blumenteppiche werden für die Prozessionen gelegt. Die Menschen tragen ihre besten Kleider.

In Sucre, Boliviens offizieller Hauptstadt, führen die Priester am Gründonnerstag das Ritual des Fußwaschens von Hunderten von Gläubigen in der Kathedrale durch. Dieser Zeremonie folgt die Messe vom letzten Abendmahl.  Viele Prozessionen können am Karfreitag in La Paz beobachtet werden. Abbilder des leidenden Jesus und seiner Mutter werden auf schweren hölzernen Plattformen durch die Straßen von La Paz getragen von Gläubigen in eher dramatischen dunklen Gewändern mit langen, spitzen Kapuzen. Diese schwermütige Prozession wird von Menschenmassen aus ganz Bolivien begleitet. Jeder hält eine flackernde Kerze in der Hand.

Die wichtigsten drei Tage des Osterfestes – Karfreitag, Samstag und Ostersonntag – werden “Triduo Pascual” genannt und jeder Tag wird von einer Prozession begleitet. In den jesuitischen Missionsstädten Vallegrande und Samaipata werden besonders bunte und traditionelle Zeremonien durchgeführt. Nach Copacabana pilgern über die Osterfeiertage Menschenmassen aus dem kompletten Andenraum, so dass kein einziges Bett mehr frei ist und die Leute am Ufer des Titicacasees campen. Der Ort gilt als der bedeutendste Wallfahrtsort Boliviens. Dort befindet sich in der überdimensioniert großen Basilika von Copacabana die berühmte „Dunkle Jungfrau“ – „Virgen Morena“, auch „Virgen de Copacabana“ genannt. Die Figur wurde 1576 von Francisco Tito Yupanqui, einem Enkel des Inka-Herrschers Huayna Cápac, aus dunklem Holz geschnitzt und hat eine Krone aus purem Gold. Die zugehörige Basilika im maurischen Stil wurde 1820 erbaut. Der dunkle Marienfigur werden zahlreiche Wunder und Heilungen zugeschrieben und sie wird als Schutzheilige des Titicaca-Sees verehrt. Der berühmte Strand in Rio de Janiero ist übrigens genau wegen dieser Heiligen vom Titicacasee nach dem kleinen Ort benannt. An jedem Wochenende kommen hier Familien aus ganz Bolivien und dem angrenzenden Peru und lassen ihre Autos segnen. Der Segen wird sowohl von einem Mönch als auch von einem Schamanen erteilt und beide nehmen Geld dafür. An Ostern gipfelt dieses allwöchentliche Schauspiel zum Jahreshöhepunkt.

Bolivianische Feste enden – nach allen kirchlichen Ritualen – in der Regel immer in sehr ausgelassenem Treiben mit ohrenbetäubender Musik, Tänzen – und mit viel Alkohol. Ob der Vater die Mutter oder die Mutter den Vater oder gar das Kind beide Eltern nach Hause zerrt, bleibt erstmal offen.

Eins ist jedoch gewiss. Gelebten Synkretismus kann man in Bolivien zu allen Kirchenfesten hautnah miterleben – und manchmal nur staunen, z.B. über Menschen im Bärenfell in der Osterprozession oder über die vielen falschen Töne in der ohrenbetäubend laut aufspielenden Blaskapelle.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie alle schöne Osterfeiertage erleben können.

Martina Ehrlich

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