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Martina Ehrlich

Ab sofort erscheint auf unserer Homepage immer freitags ein neuer Blog-Beitrag zu den unterschiedlichsten Regionen und Themen rund um Lateinamerika. Martina berichtet Aktuelles, Informatives, Skurriles und Spannendes vom Kontinent des Kolibris, erzählt Geschichten vom Reisen bis hin zu praktischen Tipps für die Vorbereitung Ihrer eigenen Reise.

Vom Kontinent des Kolibris 15 – eine Melodie im Herzen

Bildnachweis: Jon Chica / Shutterstock.com

Im Zuge meiner Tätigkeit als Reiseorganisatorin war und bin ich auch immer wieder auf Erkundungsreisen unterwegs, um neue schöne und außergewöhnliche Orte für unsere Kunden kennenzulernen. Das ist eine spannende Seite meiner Arbeit, die mir schon immer viel Spaß gemacht hat. Gerne entdecke ich mir Unbekanntes und bin sehr offen für neue Erfahrungen. Manche Erlebnisse vergesse ich nie. Eine dieser einzigartigen Erfahrungen machte ich im peruanischen Amazonasregenwald vor etwa 25 Jahren. Wir reisten ins Tiefland, um uns eine Lodge nahe des Tambopata Nationalreservat anzusehen…

Es gab auf dem Gelände der Urwald-Lodge einen „Amazonas-Garten“, der voller exotischer medizinischer Pflanzen war. Fasziniert lasen wir die Beschreibungen und blieben bei einer Pflanze gefesselt hängen: Ayahuasca. – Was hier zu lesen war, konnten wir nicht wirklich einordnen. „Eine Pflanze, die der Seele Flügel verleiht“ stand da. Und, dass Ayahuasca die hiesige Bezeichnung für eine Liane mit dem wissenschaftlichen Namen Banisteriopsis caapi ist. Wir lasen, dass die Angehörigen diverser Amazonas-Ethnien Ayahuasca für Heilungen von Krankheiten sowie für religiöse Zeremonien gebrauchen und sich dabei in eine Art Trance-Zustand versetzen. Der Gebrauch sei im amazonischen Brasilien, Bolivien und Peru sowie im Orinocodelta von Venezuela bis an die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador verbreitet.

Wir waren schlicht neugierig und fragten in der Lodge nach. Uns wurde erklärt, dass man nur begleitet von einem sehr erfahrenen Curandero – einem Schamanen – Ayahuasca zu sich nehmen sollte. Der Prozess der Herstellung des Suds aus der Pflanze, dem noch etliche zusätzliche Kräuter beigesetzt werden, dauert über viele Stunden. Wir erfuhren, dass einer der Lodge-Mitarbeiter ein Schamane sei und sie würden ihn fragen, ob während unseres Aufenthalts vielleicht eine Cura – eine Sitzung – stattfinden würde.

Zwei Stunden später stand fest: der Curandero hat einen einheimischen Patienten, den er behandeln wird am übernächsten Abend und wenn wir uns an alle Regeln halten, können wir ebenfalls daran teilnehmen. Wir wollten! Und wir versuchten, noch möglichst viele Informationen über die Curanderos des Regenwaldes herauszufinden. Was wir erfuhren, faszinierte uns, denn es entspricht irgendwie so gar nicht der europäischen Logik oder Denkweise.

Erstens: Schamane kann man bei den Urvölkern nicht durch einen persönlichen Entschluss erlernen wie man einen normalen Beruf erlernt. Stattdessen wird man von seinem Umfeld als solcher „erkannt“, d.h. besondere Fähigkeiten wie Empathie, Verbundenheit mit der Natur und eine tiefe Spiritualität müssen vorhanden sein. Der „Erwählte“ muss nun zu einem alten Schamanen in die Lehre gehen, was mit sehr vielen Entbehrungen und diversen „Prüfungen“ der Persönlichkeit und der Fähigkeiten über einen langen Zeitraum einhergeht. Ein Schamane kann seiner „Bestimmung“ nicht entfliehen, so sagen es die Ahnen. Zweitens: ein Curandero bietet seine Dienste den Menschen an, ohne dafür Geld zu bekommen. Er übt ganz normal seinen Beruf, seine Tätigkeit aus. Sollte ein Mitglied der Gemeinschaft eine Krankheit körperlicher oder seelischer Art haben oder vor einer sehr schweren Entscheidung stehen, so kann es den Schamanen um eine Cura bitten, die dieser wiederum niemals absagen darf. Er ist sozusagen ein Diener des Volkes. Natürlich kann man ihm als Dank Lebensmittel, Geld oder etwas anderen zukommen lassen, aber grundsätzlich darf ein Schamane für seine Dienste keinen Lohn verlangen.

Uns war das sehr sympathisch. Uns so hielten wir uns am Tag der Cura an die vorgegebene Diät, sprich nur vegetarisch und ab mittags gar nichts mehr zu essen, ab nachmittags auch nichts mehr zu trinken. Wir sollten uns mittags zurückziehen, zur Ruhe kommen, alleine spazieren gehen und uns ausruhen. Es hieß, wir werden nach Einbruch der Dunkelheit abgeholt.  

Ein Mitarbeiter der Lodge führte uns schließlich in eine abgelegene Holzhütte, die nur mit sehr spärlichem Licht einer Kerze erhellt war. Der Schamane – ein alter, sehr dünner, aber sehnig kraftvoll wirkender Mann – saß im Schneidersitz auf dem Fußboden. Mit etwas Abstand saß ein zweiter Mann, offenbar der Hilfesuchende. Uns wurden mit sehr leiser Stimme und Gesten unsere beiden Plätze zugewiesen. Der Curandero trug Naturketten aus Samen, Federn und Knochen, vor ihm lagen Rasseln aus Ziegenhufen, Fächer aus Pflanzenfasern, Federbüschel, Blätter und sonstiges. Neben ihm stand eine Plastikflasche mit einem moorig aussehenden zähflüssigen Inhalt. Das musste der Ayahuasca-Sud sein. Wir ließen uns nieder und keiner sprach ein Wort.

Der Schamane begann seine Zeremonie mit Federfächerwedeln, Rasseln, leisem Singen und sanftem Pfeifen. Es vergingen viele Minuten und irgendwann kristallisierte sich eine bestimmte Melodie heraus, die der Schamane immer weiter vor sich hin pfiff, während er sich sanft hin und her wiegte. Irgendwann ging der Becher mit eben diesem Ayahuasca-Sud zu jedem von uns und jeder trank ihn langsam leer. Es schmeckte für mich wie es aussah: einfach nach Wald. Unglaublich erdig, bittersüßbrennend, ich hatte das Gefühl, als würde ich den ganzen Wald in mir aufnehmen. Dann sollten wir uns hinlegen, nur der Curandero blieb sitzen – zumindest glaube ich das. Sein sanftes melodisches, immer gleichbleibendes Pfeifsummen begleitete mich nun während der nächsten Stunden. Ich habe keine Ahnung, ob wir zwei oder sechs Stunden dalagen mit unseren geschlossenen Augen und den eigenen Bildern im Kopf. Woran ich mich erinnern kann, ist das Wandern der modrigen Flüssigkeit durch meinen Körper. Anfangs dachte ich, ich könnte den Trunk gar nicht in mir behalten. Mein Partner musste auch tatsächlich die Hütte verlassen und sich übergeben. Am nächsten Tag war er überzeugt, dass der Schamane zu ihm rausgekommen war und ihn mit seinem pfeifenden Singsang zurück nach Drinnen geholt hat. Nein, der Curandero hat seinen Schneidersitz kein einziges Mal verändert – zumindest war das so in meiner eigenen Wahrnehmung. Der Schamane „machte nicht viel“ während der ganzen Zeremonie. Er schenkte uns jedoch den von ihm präparierten „Sud aus Wald“, seine ganze Aufmerksamkeit und eine Melodie, die ich nie mehr vergessen werde.

Für die Curanderos ist die Wirkung des Trunks nicht auf einen bestimmten Wirkstoff zurückzuführen, sondern auf die enthaltenen Pflanzenseelen, die sich den Menschen während der Cura wie unter einem Lehrmeister offenbaren. Ich wurde unglaublich ruhig. – Ungeheuer, von denen manche berichten, habe ich keine gesehen. Auch hatte ich keinerlei Angstzustände. Ich fühlte mich gut und leicht und im Frieden. Es war eine schöne Erfahrung. Irgendwann – gefühlt nach einer Ewigkeit – verebbte die Pfeifmelodie, wir öffneten wieder die Augen und gingen schlafen. Ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Blicke genügten.

Ich weiß noch, dass ich mich am Folgetag extrem gut fühlte – gesund, vital und genau am richtigen Platz in meinem Leben. Eine Leichtigkeit beflügelte mich und ich „schwebte“ durch den Urwald. Ich dachte an den Mann, der mit einem Anliegen zum Schamanen gekommen war und dem wir diese Erfahrung schließlich ebenso verdanken. Ob ihm geholfen werden konnte? Die beiden hatten sich zwischendurch immer wieder ganz leise flüsternd ausgetauscht. Meine guten Gedanken zogen zu ihm und zu dem Schamanen, dem wir nicht mal richtig danke gesagt haben.

Am Folgetag mussten wir bereits um drei Uhr morgens aufstehen, da uns das Boot zurück nach Puerto Maldonado bringen sollte, wo wir vom Flughafen aus wieder zurück nach Cusco fliegen wollten. Unser Gepäck wurde auf das Boot verladen und zusammen mit anderen Reisenden warteten wir auf den Bootsmann. Als wir den kleinen sehnig kraftvollen alten Mann herankommen sahen, trauten wir unseren Augen kaum. Es war „unser Schamane“, der nun seinem Geldverdienst nachging. Mit keinem Blick verriet er jemand Außenstehendem, dass wir vorletzte Nacht etliche Stunden mit ihm verbracht hatten. Er lenkte das Boot zweieinhalb Stunden flussabwärts mit geradem Blick auf den Horizont. Beim Ausladen des Gepäcks und beim Abschied konnten wir ihm unseren Dank ausdrücken und ihm anstelle des gewöhnlichen Trinkgelds unerkannt etwas mehr zustecken.

Ich habe keine Ahnung, wie dieser Schamane hieß und ob er noch lebt. In mein Herz hat er durch seine Hingabe eine leise Melodie gelegt, die ich aus tausenden Melodien wiedererkennen und niemals vergessen werde.

Bis kommenden Freitag

Martina Ehrlich

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